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2000 Kulturfuzzis wurden niedergemäht – Mit »Schöne neue Welt« eröffnet das Staatsschauspiel die Saison
Mit »Schöne neue Welt« eröffnet das Staatsschauspiel die Saison
■ Neben »1984« von George Orwell ist Aldous Huxleys »Brave New World« von 1932 eine Dystopie, die seit ihrem Erscheinen immer wieder auf die jeweilige gesellschaftliche Situation anwendbar ist. So erhält die Satire auf eine totale Gesellschaft, deren Doktrin Glück, Sex und Konsum jederzeit und für alle heißt, in Zeiten der totalen Überwachung und der rechnergenerierten Idiotiefizierung aktuelle Brisanz. Mit der Uraufführung der Bühnenfassung am 12. September erzählt Regisseur Roger Vontobel die Geschichte von Außenseitern in einer glatten Welt. Mit ihm und dem Chefdramaturgen Robert Koall, der die Textfassung für die Bühne verantwortet, sprach DRESDNER-Herausgeberin Jana Betscher über Neue Menschen und anthropologische Konstanten.

Kulturpessimisten würden behaupten: Wir sind schon lange angekommen in der »schönen neuen Welt« mit ihrer Oberflächlichkeit, der Konsumgeilheit, dem permanenten Drehen um sich selbst in den sozialen Netzwerken, der beklagten Pornografisierung, der Überwachung durch die Geheimdienste?

Roger Vontobel: Da würden Ihnen die Huxleys widersprechen. Denn genau die Welt, in der wir leben, haben sie überwunden. Dem ging ein neunjähriger Krieg voraus, in dessen Zug eben jene Kulturpessimisten eleminiert wurden. »2000 Kulturfuzzis wurden niedergemäht«, heißt es an einer Stelle im Buch, erschossen im Britischen Museum. Nun besteht dort eine Gesellschaft glücklicher Menschen, ohne Sorgen. Wir leben nicht in einer Welt, wie sie Huxley beschreibt. Denn wir sind ja frei darin, nachzudenken und uns zu entscheiden.
Robert Koall: Natürlich lässt sich bemerken, es gehen erstaunlich wenige Leute auf die Straße, es scheint ihnen egal zu sein, was um sie herum und mit ihnen geschieht. Aber dennoch, auch wenn es heutzutage Gründe für anhaltenden Kulturpessimismus gibt, würde ich sagen: Nein. Wir sind immer noch Kulturen, die sich über zu schlechtes Fernsehen beschweren. Da sind wir noch wacher als die Huxleys. Was an dem Stück ja interessant ist, ist, dass es in deren Welt keinerlei Ansatz für Fragen gibt.

Und doch wird diese Welt in Frage gestellt?

Roger Vontobel: Alle Kasten sind darauf konditioniert, so glücklich zu sein, wie sie sind. Das ist die Prämisse dieser Welt. Und doch gibt es anscheinend irgendetwas im Menschen, was nicht zu ändern ist, nennen wir es Seele, was nicht fassbar, nicht letztendlich konditionierbar ist.
Robert Koall: Und diese Leerstelle ist es auch, die die Charaktere eint. So sagt selbst Lenina Crowne, eine Alpha, zu ihrer Freundin »Irgend etwas ist komisch mit mir« und sie fühlt, dass die empfohlene Hormontherapie nicht die Lösung birgt.
Roger Vontobel: Auch Helmholtz, der Alpha-Plus, fühlt das. Und auch er kann es nicht beschreiben, diese komische Universalsehnsucht.
Robert Koall: Gerade so, als gäbe es eine anthropologische Konstante. Dies ist auch eine der größten Szenen im Buch, wie Helmholtz beschreibt, dass es etwas zu sagen gäbe und er dafür keine Worte findet. Und als er das erste Mal Shakespeare hört, ihm Dichtung vorgetragen wird, dreht er fast durch vor Glück. Und er spürt: Da ist etwas, das ist größer als der Mensch.

Dies wird die Zielrichtung der Inszenierung sein: Woher kommt dieses innerste Sehnen des Menschen?

Roger Vontobel: Ja, in dem Roman geht es auch darum, wie ist Tragödie überhaupt möglich in einem System, in dem es nichts Tragisches mehr geben soll, keine Leidenschaften entstehen. »Ich will Tränen« sagt John der Wilde in dem Dialog mit dem Weltaufsichtsrat Mustapha.
Robert Koall: Er fordert das Recht auf Unglück, er fordert das Recht auf Krankheit, auf Scheitern.
Roger Vontobel: Das Stück ist auch eine Hommage an Shakespeare. Es geht um eine Weltenzeichnung, die Auseinandersetzung mit etwas, das eine viel größere Kraft in sich birgt. Sich mit der Welt auseinanderzusetzen, das bedeutet Leben, kompliziert und individuell...
Robert Koall: … und dies geschieht mit einer unglaublichen Nuancierung. Und das ist eine Welt, die nicht neben der Wirklichkeit besteht. Sondern sie lässt erkennen, dass Kunst, Kultur und Poesie eine Deutungsform von Wirklichkeit sind, mit der man Wirklichkeit erst durchdringen und erkennen kann, und dann vielleicht auch Dinge ändern. Diesen Erkenntnisprozess sieht man an John, dem Wilden, mit dem wir hinter die Matrix der schönen neuen Welt sehen, und wie er merkt, welcher Preis dafür bezahlt wird – nämlich die komplette Aufgabe des freien Willens.

Zeigt das Stück auch einen Ausweg aus diesem Dilemma?

Robert Koall: Es ist sicherlich kein Wegweiser, wie die Welt zu ändern ist. Aber es zeigt auf, wo man nachfragen müsste: Wo herrschen Leerstellen in unserem eigenen Empfinden.
Roger Vontobel: Der Entwurf der Gesellschaft der schönen neuen Welt war ja zunächst eine Utopie. Denn sie schließt die Erfüllung von Einzel- und Machtinteressen aus. Es ging um die Rettung der Menschheit. Nur heißt dies in der Konsequenz: Man rettet die Menschheit, indem man abschafft, was den Menschen zum Menschen macht...
Vielen Dank für das Gespräch!

Uraufführung am 12. September im Schauspielhaus, weitere Aufführungen am 21. September, 3. Oktober; mehr zum Stück unter: www.staatsschauspiel-dresden.de/home/schoene_neue_welt/

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