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30 Jahre Grenzerfahrung – Im Gespräch mit Sylke Gottlebe, Festivalleiterin des Filmfest Dresden 2018
Im Gespräch mit Sylke Gottlebe, Festivalleiterin des Filmfest Dresden 2018
■ Eine buntgemischte Stuhlgruppe, chaotisch platziert auf einer Europakarte. Selten war das Plakatmotiv für ein Filmfest Dresden so klar definiert wie in diesem 30. Jubiläumsjahr, das sich vielfältig, geopolitisch und europahistorisch zeigen will. Doch was bedeutet eine Sitzgelegenheit anderes als Ruhe, Stabilität und Geselligkeit? Während letzteres bei über 25.000 Festival-Besuchern eine Selbstverständlichkeit ist, sind die ersten beiden Begriffe den Machern von Europas höchstdotiertem Kurzfilmfestival eher unbekannt. Warum das schon immer so ist, versuchte DRESDNER-Autor Martin Krönert bei der alten und neuen Festivalleiterin Sylke Gottlebe in Erfahrung bringen.

Frau Gottlebe, Sie sind zurück beim Filmfest Dresden!?

Sylke Gottlebe: Ja, ich wurde wohl recycelt (lacht).

Fühlt es sich nach 17 Jahren wieder wie zu Hause ankommen an?

Sylke Gottlebe: Na ja, das Festival hat sich seit 2001 komplett verändert. Erst einmal ist es bei allen finanziellen Problemen damals wie heute ein Wunder, dass es uns überhaupt noch gibt. Und trotzdem hat sich das Filmfest entwickelt und ist stetig gewachsen. Sowohl im internationalen Renommee, als auch von der Anzahl der Einreichungen. Aus den damals täglich mit der Post eintreffendenen Bergen von 576 VHS-Kassetten, sind mittlerweile über 2.300 digitale Filme geworden. Was ich besonders schön finde, ist, dass sich auch der Umfang und die Vielfalt der Sonderprogramme vergrößert haben. Wir können jetzt viel tiefer in die Kurzfilmszene eintauchen. Und natürlich sind auch die Besucherzahl und die Größe unseres Teams gewachsen. Außerdem hat sich mittlerweile der Blick auf den Kurzfilm verändert. Bei meiner ersten Festivalrunde als Leiterin in den 90ern mussten wir noch viel mehr um die Aufmerksamkeit in der Filmbranche kämpfen. Jetzt gibt es eine lebendige Nachwuchsförderung und auch filmästhetisch hat sich viel getan. Für mich hat der Kurzfilm und damit auch das Festival dahingehend einen wirklich großen Schritt gemacht.

Wachstum ist ja auch immer eine Kostenfrage. Wie verträgt sich das mit den von Ihnen erwähnten Problemen?

Sylke Gottlebe: Wir haben schon damals um jeden Cent gekämpft und das hat sich nicht verändert. Man vergisst als Besucher schnell mal, was so ein Festival im Vorhinein alles leisten muss. Für viele Mitarbeiter ist es schlicht und einfach freiwillige Selbstausbeutung. Wir sind überall aktiv, um Fördermittel zu sammeln, bräuchten aber eigentlich das doppelte Budget. Manchmal fehlt nur ein Bewertungspunkt, wie jetzt bei der Absage der »Media-Förderung« von der EU. Solch hohe Beträge können wir dann nicht mehr kompensieren und mussten deshalb etwa dem Societaetstheater und dem Kino in der Fabrik aus Finanzgründen absagen. Uns fehlen große Sponsoren für eine Grundsicherung. Bei unserer Suche ergeben sich auch ganz neue, ungewöhnliche Wege. So haben wir jetzt als echten Glücksfall mit dem regionalen Käsehersteller »Heinrichsthaler« einen Partner gefunden, der den Preis des Internationalen Wettbewerbs stiften wird. Für mich ein Zeichen, dass wir die regionale Wirtschaft stärker einbinden müssen.

Beim Blick in das diesjährige Programm fallen vor allem wieder die Europabezüge auf. Wäre diesmal nicht ein Blick in die Festivalgeschichte passender gewesen?

Sylke Gottlebe: Klar, ein »Best of« hätte man machen können. Aber das wäre nur ein wahlloser Griff aus einer solchen Fülle von Filmen der letzten 30 Jahre geworden. Also haben wir zunächst eine Chronik mit Fotos und Interviews erstellt, die man beim Festival erwerben kann. Wir haben uns außerdem lieber für die europäische Geschichte der letzten 30 Jahre entschieden, die eigentlich auch noch besser die Film- und unsere Festivalgeschichte abbildet. In diesen Länderfokus-Programmen sieht man, dass sich der Kurzfilm stark verändert und auch völlig neu definiert hat. Von Avantgarde und vor allem sozialkritischen Themen hin zu einer, auch durch die technikbedingten Möglichkeiten, Masse an modernen Filmideen, die aber nun manchmal auch eine gewisse Beliebigkeit mit sich bringt.

Das Filmfest ist ja vor allem ein Publikumsfestival, kann aber scheinbar nicht wirklich die ganze Stadtgesellschaft erreichen. Wo sehen Sie da noch Potenzial?

Sylke Gottlebe: Wir haben ein Publikum, das man nicht einfach eine Schublade stecken kann. Da sind diejenigen, die vor 15 Jahren schon Gäste der Wettbewerbsprogramme waren und jetzt mit ihren Kindern unsere sehr beliebten Kinder- und Jugendblöcke besuchen, die klassischen Wettbewerbsbesucher und jene, die für sich ganz besonders die Experimente und ungewöhnliche Erfahrungen suchen und in den verschiedenen Sonderprogammen finden. Aber klar, es gibt auch Bevölkerungsschichten, die wir bisher nicht einmal mit dem regionalen Fokus locken können. Mit unserem kostenlosen Open-Air-Programm am Neumarkt haben wir schon einen Anfang zur Annäherung gemacht, planen aber über die Festivalzeit hinaus auch in Dresden präsent zu bleiben. Wir haben erste Kooperationen mit den Stadtbibliotheken begonnen und versuchen auch Senioren in Altenheimen und Tagespflegeeinrichtungen durch spezielle Angebote als zukünftige Gäste zu gewinnen. Da gibt es also noch viel zu tun und wir schauen gespannt in die Zukunft.
Vielen Dank für das Gespräch!

Das Filmfest Dresden findet vom 17. bis 22. April an vielen Orten in Dresden statt. Weitere Informationen und das gesamte Festivalprogramm finden sich unter www.filmfest-dresden.de

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